DG Flugzeugbau GmbH / Passion, Power + Performance

DG-500M - Wandersegelflug der Superlative

eMail von P. Allergien:

Lieber Herr Weber,
zusammen mit Sämig Lerche habe ich in den letzten Jahren jeweils mit
unserer Gruppen-DG-500M (das Flugzeug vom Bauerverlag Segelfluggelände:
Januar 1997) Wandersegelflüge von Fricktal-Schupfart aus unternommen. Im
1997 haben wir außerordentlich gute Wetterverhältnisse angetroffen:
Schupfart-Monargis (Loire)-St. Affrique (Massiv Central)-St. Giros
(Pyrenäen)-Millau (Massiv Central)-Barcelonette (Provence)-Münster
(Wallis)-Zell am See (Oe)-Schupfart.
Haben Sie Interesse am Bericht dieses Fluges für Ihre DG-Fans, den wir
in unseren Clubnachrichten veröffentlicht haben?

Mit freundlichen Grüßen

P. Allergien

 

Aber gerne - hier ist der Bericht:

 

Wandersegelflug der Superlative

In diesem Jahr beginnt unser Wandersegelflug mit einem Wechselbad. Da wir unseren Wandersegelflug unmittelbar nach einer Regenperiode starten, scheint uns ein Schleppstart auf unserer aufgeweichten Piste angebracht zu sein. Nur - unser Schlepp-Pilot (habe vor der Rechtschreibereform schreiben gelernt!) findet eine Schleppgeschwindigkeit von 140 km/h für das schwere Gespann angebracht. Wo er recht hat, hat er recht:

Einen Strömungsabriss riskieren wir so nicht - und dass dabei die Leistung nicht mehr zu spürbarem Steigen reicht, ist in dem Zusammenhang eher nebensächlich. Das Vario klebt im Tiefstflug bei der Nullmarke und mir das T-Shirt wegen des Angstschweißes am Körper. Klinken beim ersten spürbaren Aufwind erlöst mich aus der Abhängigkeit des Motorfliegers und wir steigen lautlos auf eine passable Ausgangshöhe. Eine völlig unangebrachte Euphorie löst in mir das bereits in tiefster Höhe gute Steigen und die segelfliegerisch aussichtsreiche Optik des Juras mit ausgeprägten Wolkenstraßen aus.

Wir kommen nur mit Mühe (und dem Tiger im Tank) bis Neuenburg. Die Entscheidung, das Mittelland mit Hilfe des Motors zu queren, erweist sich als richtig. Die Strecke Greyerz - La Dôle erlaubt schnelles Segelfliegen.
Anschließend  folgt wieder Bodenakrobatik bis Mâcon: Der Controller von Genf erfragt, da wir in dessen Kontrollzone fliegen, immer wieder unsere Position. Er kann unser Transpondersignal wegen unseres Flugweges in den Juratälern auf seinem Radarschirm nicht mehr sehen. Am Abend, bei Canard-Schmaus stellen wir fest, dass wir die ganze Palette eines normalen Wandersegelfluges bereits erlebt haben und eigentlich zum Golf, deren ausgedehnte Plätze wir an diesem Tag ausgiebig betrachten konnten, übergehen könnten. Wir wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass wir in den nächsten Tagen bei ausgezeichneten Wetterbedingungen ca. 2,500 km zurücklegen, das Massif Central, die Pyrenäen und die ganze   Alpenkette in ihrer ganzen Länge segelfliegerisch bezwingen werden.

Zweiter Tag:
Nach dem Start gleich gutes Steigen über den weiten Reben des Mâcon. Kaum sind wir auf Streckenflug, bei guter Thermik aber relativ tiefer Basis, fliegen wir am gigantischen Kloster Cluny und am wunderschönen Schloss von Autun vorbei.

Es geht zügig unserem heutigen Zielflugplatz Montargis entgegen, wo unsere Freunde in ihrem Segelfluglager weilen. Bereits hören wir sie am Funk. Ueli bastelt an seinem 5-Stünder (der ihm notabene auch gelingt: Gratulation). Wir erleben Segelflug von seiner schönsten Seite - allerdings mit einer Kehrseite: Die Berge werden immer flacher bis sie noch die Höhe derjenigen unserer Modelleisenbahn im Keller erreichen.
Im Flachland fühle ich mich nicht wohl, zu unklar scheinen mir die Auslösepunkte der Thermikblasen - zudem zerfallen die guten Cumuli fortlaufend vor unseren Augen. "Zum Glück" gibt es die vielen Atomkraftwerke im Loiregebiet. Aber deren Dampfwolken sind teilweise ziemlich "kunststoffgeschwängert".

Dritter Tag:
Nach dem gemeinsamen Briefing verlassen wir unsere Clubkameraden in südlicher Richtung. Zuerst heißt es, sich wieder durch die Ebene quälen bis kurz von Clérmont Ferrand die ersten nennenswerten Hügel starke Thermik erzeugen. Im Gegensatz zum vorhergehenden Jahr, wo wir diese Stadt bei schwächster Thermik sehr tief passierten, habe ich jetzt Zeit und Muße, die Kegel der erloschenen Vulkane zu genießen. Von nun an geht es, mit Wolkenstraßen so  weit das Auge reicht, im Eilzugstempo quer durch das ganze Massif Central bis uns ein Gewitter kurz" vor dem Mittelmeer, bei Mende, stoppt.

Sämi kann sich endlich für einen Moment von der Navigations(schwer)arbeit erholen. Wir steigen neben (!) einer Wolke auf fast 4.000 m/M, womit das 100 km entfernte St. Affrique in greifbare Nähe kommt. Wieso St. Affrique bei unseren Wandersegelflügen immer am Weg liegt, ist mir ein Rätsel. Es muss wohl an der jungen Hotelleitung der Auberge de Belmont liegen....

Wir wissen vom letzten Mal, dass man bei Endanflügen aus Norden auf den letzten Metern noch einen kleinen Hügel überfliegen muss und den Flugplatz erst fast in der Landevolte sehen kann. Und, wie nicht anders zu erwarten, stranden wir wieder am Hang eben dieses Hügels - und zwar so tief, dass der Motor nicht mehr ausgefahren und der Flugplatz nicht mehr erreicht werden kann. Die bereits männiglich erwartete Außenlandung können wir vermeiden durch Luftanhalten und feinsten Steuerbewegungen in schwächster Abendthermik. Mit fast 500 km und 7,5 Stunden Flugzeit ist dies der längste Flug unserer Ferien.

Die nächsten Tage sind lehrreich:
Die Pyrenäen erreichen wir tief und gehen davon aus, dass die Basis im Gebirge steigt. Aber sie kann auch anders, wie wir schmerzhaft erfahren. Bei Basishöhen (bzw. -tiefen), die bis 600 m/M runter reichen, schleichen wir in (!) den Tälern am Fuß von 3,000ern nach St. Giron - bei Sichtweiten, die wir in unserer Waschküche nicht unterbieten können. Wieso St. Giron bei unseren Wandersegelflügen immer ......  Dort treffen wir das erste Mal auf unseren Wandersegelflügen auf zwei (wegen des Wetters gestrandete und frustrierte) Piloten aus Oerlinghausen (Nimbus  2DM), die exakt das gleich tun wie wir. Der Erfahrungsaustausch am Abend zeigt, dass wir haargenau die selben Probleme lösen und Highlights erleben.

Das Satellitenbild Europas sagt uns am nächsten Morgen, dass wir nur eine Richtung einschlagen können: Durch die feucht-labile Luftmasse der Pyrenäen zurück in das Massif Central und weiter in die Alpen. Gesagt getan. Nur - am Abend beim Aussteigen in Millau, nordwestlich von Montpellier, fegt uns der Tramontagne (so heißt hier der Mistral) fast von der Hochebene. Ein Ruhetag in Millau ist angesagt.

Die nächste Etappe, sie führt uns nach Barcelonette, wird zur anstrengendsten und nervenflatterndsten des ganzen Wandersegelfluges. Zuerst heißt es mit Arbeitshöhen von knapp mehr als 500 m Grund über unlandbarem Gelände vorwärts zu fliegen. Ein Fliehen in die nach Süden laufenden Täler wäre zwar möglich, würde uns aber wegen des immer noch starken Nordwindes unweigerlich auf ein Außenlandefeld hinunterspülen. Sämi darf mir in dieser Situation die Positionen der nächstliegenden Flugplätze nicht mitteilen, sonst würden sie in meinem Kopf zu unüberwindbaren Magneten mit zwangsläufiger Landung. Endlich im Tal der Ardèche angekommen, kann ich aufatmen, ist doch das Gelände schlagartig mehrere hundert Meter tiefer. Allerdings gilt das auch für die Basishöhe (falls es Wolken hätte). Mit Mistral queren wir nördlich von Aubenas schließlich das Rhonetal im Hangwind der ins Tal hineinreichenden Hügel. Am Tiefpunkt unseres Fluges sind wir noch in ca. 350 m/M! Beim Einstieg in die Alpen stoßen wir an eine Inversion, die ein Steigen über 1,500 m/M verunmöglicht. Der Motor hilft uns hier in mit einem kurzen Einsatz, die fehlenden 400 m zu überwinden.

Über den Bergen treffen wir als erstes auf ein bekanntes Flugzeug: Unsere Freunde aus Dittingen sind, in Vinon gestartet, just im selben Aufwind wie wir. Nun geht es zügig vorwärts bis zum Lac de Serre Ponçon, wo wir aber sehen, dass wir heute am Ziel angelangt sind. Ich bin zu dem Zeitpunkt völlig erschöpft und will nur noch landen. Aber, wieso St. Crépin bei unseren Wandersegelflügen immer .......... Es muss wohl am St. liegen. Eine kurze, heftige Diskussion endet in einem Kraftakt von Sämi: Nein, wir landen nicht in St. Crépin! In der letzten Abendthermik nimmt er, der diese Gegend kennt wie seine Hosentasche, noch den Col de Vars in Angriff. Wir lernen mit Barcelonette einen für uns unbekannten Flugplatz kennen - eine Gewohnheit, die wir nun bis zum Ende unseres Wandersegelfluges beibehalten.

Mehr noch: Wir schließen in den nächsten zwei Tagen unsere Lücken entlang der Alpenkette. Trotz der Bemerkung der Einheimischen, "Aujourd'hui ce n'est pas possible de passer dans le haut-relief!", fliegen wir los. Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts. Den Col de Vars überwinden wir mit einer Leichtigkeit, die wir beide bisher nicht kannten. In dem Stil geht es, mit Ausnahme eines "Loches" bei St. Crépin, weiter bis nach Briançon. Wir finden uns bald im Modane wieder.
Vorsichtig und immer schön hoch tasten wir uns vor und, schwups, sind wir im Val D'Isère. Der Point-of-no-Return ist klar überschritten und wir begeben uns beide auf Neuland: Unser Blick ist nach vorne gerichtet. Eine prächtige Landschaft breitet sich um uns aus, als wir südöstlich am majestätischen Mont Blanc vorbei gleiten und den Kleine St. Bernhard passieren. Das Aostatal sieht stabil aus, was uns dazu verleitet, über den Großen St. Bernhard gleich weiter ins Wallis zu fliegen.

Bis Sion genießen wir außerordentlich gute Verhältnisse. Anschließend folgt wieder einer der von mir "so geliebten" langen Endanflüge nach Münster. Dort werden wir von Fred Kormann und den anderen Teilnehmern des Aeroclublagers mit einem herzlichen Hallo begrüßt.

Der Schlepp am nächsten Morgen, Eigenstart ist hier nicht erlaubt, sitzt mir noch immer in den Gliedern. Nach dem Abheben überfliegen wir trotz 235 PS die nächsten Bäume nur knapp - allerdings bei hoher Geschwindigkeit.
Anschließend folgt ein Hangflug, bei dem wir befürchten, dass wir nach dem Klinken Tannenzweige aus dem Querrudergestänge werden entfernt müssen. Der Schlepp-Pilot hat offensichtlich vergessen, dass wir ca. 10 m mehr Spannweite haben. Am vorgesehenen Klinkort sehen wir uns umgeben von einem Mückenschwarm von Gleitschirmen.
Also weiterschleppen zum Fiescher Grat, wo wir vom Regen in die Traufe gelangen. Nach dem Klinken habe ich das Gefühl mit 120 km/h durch eine "Fußgängerzone" zu preschen. Also hilft nur noch die Flucht ins Binntal, wo wir die herrlichste Etappe in Angriff nehmen. Sie führt uns vorbei am Furka- und Oberalppass ins Oberrheintal. Die folgende Strecke bis Thusis ist thermisch noch schwach entwickelt - die ersten Segelflugzeuge stehen schon auf der Wiese. Ab Lenzerheide und Davos geht es unter extrem guten Bedingungen, alle Varios stehen zeitweise am Anschlag, über die Flüela ins Unterengadin und im gleichen Stil weiter bis Innsbruck.
Dort beginnt wieder harte Arbeit. Teilweise im Hangflug, neben Alphütten mit sonnenbadenden Damen, geht es von Bergzug zu Bergzug weiter. Noch ein enges Pässchen überfliegen, dessen Benennung wegen des dürftig werdenden Kartenmaterials schwierig ist und wir befinden uns bereits im langen Endanflug nach Zell am See. Die Strecke von über 350 km durch die großartigen Hochalpen haben wir überwunden, ohne auch nur einen Gedanken an den Motor zu verschwenden. Nach der herzlichen Begrüßung durch Guido, er flog vor den Schweizern (!) den ersten 1000er in den Alpen, stecken wir auch gleich Schelte ein. In kurzen   Hosen, meint er, wird in den Alpen nicht geflogen. Wir verraten ihm aber nicht, dass wir die Kälte auf über 4'000 m/M hautnah gespürt haben.

Der Rest des Wandersegelfluges ist schnell erzählt:
Zwei Tage Regen, Rückflug durch die tief mit Wolken verhangenen Bayrischen Alpen und Sägezahn vom Bodensee nach Schupfart. Ein Erlebnis zum Schluss, das uns im ursprünglichen Sinn des Wortes erschüttert hat: Bei Kufstein schleichen wir tief im Tal den sonnenbeschienen Hängen entlang auf der Suche nach Aufwind. Plötzlich erfährt die DG 500 einen Schlag. Obschon ich kein Flugzeug oder keinen Vogel gesehen habe, bin ich überzeugt, dass wir in einen Zusammenstoß in der Luft verwickelt sind. Schau nach rechts hinten, ruft Sämi. Und da sehe ich die Ursache des Schlages:
In der Kiesgrube, die wir soeben passiert haben, wurde eine Sprengung vorgenommen, dessen Druckwelle das Flugzeug erfasst hat. Kies hören wir glücklicherweise keines auf die Haut der DG prasseln.

Was ist, neben gutem Wetter, das Erfolgsrezept eines gelungenen Wandersegelfluges? Neben der Bereitschaft, wegen des minimalen Gepäckes auf jeglichen Komfort zu verzichten, braucht es eine gute Freundschaft zwischen den Piloten. Die Strapazen auf einem Wandersegelflug sind nicht unerheblich, so dass auch unter gespannter Atmosphäre die ständig notwendigen Entscheidungen im gegenseitigen Vertrauen gefällt werden können. So habe ich mich während des Fliegens immer blind auf die Navigation von Sämi verlassen können. Trotz der fast liegenden Position während des Fliegens, sind die Flüge auch körperliche Strapazen:
Sehr hohe und tiefe Temperaturen, lange Perioden höchster Konzentration ohne   Erholungsphasen und Dehydration sind hier ein paar Stichworte. So haben wir zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass wir den "obligaten" Durchfall, Erbrechen und die starken Kopfschmerzen am dritten Tag vermeiden können, wenn wir konsequent nach der Landung mindestens 1,5 bis 2 Liter Mineralwasser trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
Belohnt wird man durch unvergessliche Erlebnisse in wunderschönen Landschaften und mit Piloten auf den Gastflugplätzen, dem Mut, mit einem Segelflugzeug auch unter schwierigen Bedingungen in ein fremdes Gebiet einzufliegen und der Erfahrung, dabei die Sicherheit nie außer acht, d.h. undiskutiert zu lassen.

 

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