DG Flugzeugbau GmbH / Passion, Power + Performance

.....nach Kuba

Die erdachte Geschichte eines spannenden Fluges aufgeschrieben von David Noyes (NL) 

Es war früher Frühling auf dem Bald Eagle Ridge im zentralen Pennsylvania. Schwerer Regen schlug gegen die Südwestseite des Flugplatz-Towers. Im Gebäude studierten vier Segelflugpiloten die Wetterkarten, die soeben aus dem Computer kamen. Eine Kaltfront erstreckte sich mit einem Tiefdruckkern über New York zu einem Hoch in Louisiana. Die Isobaren dazwischen lagen dicht gepackt.

Ein Auto spritzte auf der schlammigen Fahrstraße heran, ein kleiner, dunkler Mann stieg aus und kam durch die Tür. Einer der Eigner des Platzes sagte:
"Putzen Sie sich Ihre Füße sauber und kommen Sie herein! Was kann ich für Sie tun?"
Der Mann näherte sich vorsichtig und fragte mit einem leichten Akzent:
"Sind Sie Tom? Wollen Sie mit mir einen Segelflug machen?"
"Ja und Ja, aber nicht in diesem Regen! Kommen Sie einfach morgen zurück!
MORGEN IST EIN SUPERTAG! "

Aber der kleine Mann ging nicht. Er wollte wissen:
"Was hält eigentlich Eure Flugzeuge oben, wenn sie keinen Motor haben?"
Eine Stunde später hatte er rote Ohren von Tom`s Erklärungen der Frontensysteme, von Seebrisen, Hang-Aufwinden, Thermikschläuchen und Wellen-Aufwinden. Er zog sich schließlich genervt in sein Hotel zurück und versprach, morgen bei der ersten Morgendämmerung zurück zu kommen, um selbst zu erleben, was das ist - ein SUPERTAG.

Er wurde vom Wind förmlich umgeweht,  als er am nächsten Morgen um 6 Uhr aus seinem Auto steigen wollte.
"Das soll ein Supertag sein?" dachte er "Nein, das ist ein Hurrikan!"
Niedrige Wolken mit nur gelegentlichen Aufhellungen jagten über den Horizont Richtung Südosten. Hin und wieder blies sogar ein wenig Schnee fast horizontal vorbei.

Einige Piloten schoben dennoch Segelflugzeuge zur Startbahn und ein Flugzeug wurde beinahe vom Sturm fort geblasen.
Der kleine Mann fand Tom, der gerade dabei war, ein Segelflugzeug zu waschen, obwohl das meiste Wassers im Flugzeug selbst zu verschwinden schien. Er fragte, ob dieses schreckliche Wetter irgendwie "hervorragend " zu gelten habe und Tom packte ihn an der Schulter und schrie durch das Tosen des Windes:
"Mein Freund, dieses Wetter ist ABSOLUT SUPER! Sie müssen Ihren Flug aber mit Doris machen, ich werde nämlich versuchen, bis Florida zu fliegen."
Da blitzte es in den Augen des kleinen Mannes verräterisch auf und er fragte:
"Kann diese Doris auch bis Florida fliegen?"
"Sie könnte vermutlich schon ", lachte Tom, "Aber normalerweise gehen wir bei Gastflügen nicht ganz so weit. "

Nach einigen Minuten machte sich Doris mit dem Mann bekannt: "Wie heißt Du denn?"
Gleichzeitig murmelte sie verärgert etwas wie:
"So, so, Tom nimmt sich einfach unser Flugzeug am besten Tag des Jahres."
"Ich heiße Imre, aber nennen Sie mich doch einfach 'Henry'. Können wir jetzt losfliegen?"
"Sicher," sagte Doris, " wenn Sie in dem Beutel da eine Kamera haben, bringen Sie sie mit und vielleicht folgen wir dann Tom bis nach Florida. "

Henrys Augen glühten hell auf während dieser Unterhaltung mit Doris.
Es war inzwischen kurz nach sechs Uhr und der große Nimbus, dessen Gewicht durch das getankte Wasser fast verdoppelt war, startete in diesem Moment mit Tom am Ruder. Doris setzte Henry auf den rückwärtigen Sitz des Doppelsitzers DG-500/22, weil sein Gewicht sogar kleiner als das ihrige war. Er erklärte, bereit für den Start zu sein und ab ging es um 6:30 a.m. in die turbulenten Rotoren am Rande des Tals.

Bald darauf sagte Doris, "Der Hangaufwind ist ziemlich stark. Du weißt vielleicht, dass Tom einmal einen Gast bis nach Altoona und zurück zu einem Flug mitgenommen hat. Möglicherweise schaffen wir heute ein Dreieck Altoona, Lock Haven und zurück."

Während des ganzen Fluges bis Tyrone, drängelte Henry immer wieder:
"Zeig mir mal, wie schnell Du fliegen kannst, Doris. "
und bei Tyrone meinte er: "Tom hat doch gesagt, hier sei eine Welle. Zeig mir doch mal diese Welle!"
Doris verlangsamte den schnellen Vorflug, drehte gegen den Wind und schon stiegen sie mit 4m/sek!

Bei 2.000 Meter sagte Doris schließlich: "Das wird wirklich ein toller Flug heute, Henry, und Du scheinst das Fliegen ja zu mögen."
"Ja, ich bin wirklich begeistert,  und deshalb möchte ich noch viel weiter fliegen."
Aus dem "Kamerabeutel" heraus erschien ein britischer Geheimdienst-Revolver in Henrys Hand und er stieß die einfachen aber unglaublichen Worte hervor:
"Bring mich nach Kuba! "
Hijacker-Map

"Bist Du verrückt?! ", keuchte Doris.
Henry zeigte mit dem gespannten und entsicherten 45er Langlauf-Colt  direkt auf sie. Doris starrte in die großen Bohrung der Mündung und schrie:
"Bist Du von allen Guten Geistern verlassen?"
Der Webley klickte mit seiner scheinbar zur Hälfte gefüllten Trommel und der lange Lauf berührte Doris Ohr.

"Schau her, Henry, dies ist ein SEGELFLUGZEUG, ", sagte sie und versuchte, dabei ganz  ruhig zu klingen,
"Sieh doch nach vorn! Da ist kein Motor drin! Virginia kann man an einem guten Tag erreichen, aber Kuba? UNMÖGLICH!"
"Tom hat gesagt, heute wäre es ein absoluter SUPERTAG; Tom sagte, dass ER nach Florida fliegen würde; Tom sagte, dass auch DU bis Florida fliegen könntest. Und Kuba liegt nur gerade eben hinter Florida. Bring mich nach Kuba! "

Henry`s Logik klang gut in den Ohren von Henry.

Doris überlegte hin und her, während sie wieder nach vorn schaute und sagte durch ihre zusammen gebissenen Zähne:
"Warum zum Teufel bist Du dann nicht mit Tom geflogen, wenn er meint, dass es doch so leicht geht? OKAY, wir fliegen südwärts in Richtung Kuba. Wir werden es nicht schaffen, weil wir nur ein Segelflugzeug haben, aber Du bist dann wenigstens näher dran."

Während der Zeit waren Sie in der starken Welle auf 3.000 Meter gestiegen und hatten schon den halben Weg zwischen den Altoona und Bedford zurück gelegt. Doris hatte Tyrone innerhalb einer Viertelstunde querab und jetzt drückte sie die Nase hinunter in einem Wellenaufwind von 5,5 m/sek und erhöhte die Geschwindigkeit auf 230 km/h. Sie hoffte dabei, auf einen Rotor oder etwas vergleichbares zu treffen, der ihren idiotischen Passagier vielleicht halb aus dem Cockpit schleudern würde, ohne dabei gleich die Flügel zu zerbrechen. Aber leider hatte sie kein Glück; die Welle hielt an, und wenn sich die Höhe oder die Geschwindigkeit verringerte, schrie Henry sofort nach mehr Geschwindigkeit oder Höhe, denn "Tom hatte gesagt ....." usw.

Das Auf und Ab des Pistolenlaufes hielt auch ihre  Geschwindigkeit und ihre Höhe konstant. Sie überquerten die Bedford-Lücke; dann blieben Cumberland und Petersburg  10.000 Fuß unter ihnen zurück und sie hatten noch immer 250 km/h auf dem Stau. Am "Snowy Mountain" begann die Welle schnell nachzulassen; bei Monterey war sie zuende.

Doris "nahm das Gas zurück", um den Gleitwinkel der DG-500 zu verbessern und als sie  Mountain Grove/ Virginia überflogen, dachte Doris an ihren Weltrekordflug im Jahre 1979, der als Ziel-Rückkehr bis hierhin geführt hatte.  Der Flug war damals so schwierig gewesen und nun hatte die Hälfte der Strecke lediglich zwei Stunden gedauert.

Henry war nicht sonderlich begeistert über ihr Vorwärtskommen bisher, aber er hatte gut zugehört, was "Tom sagte" und er hatte schon bemerkt, was es bedeutete, dass die Rotor- und die Lenticulariswolken verschwunden waren. Es freute ihn nicht gerade, dass sie nun langsamer flogen und dabei Höhe verloren.

Er schwenkte wieder seinen Revolver und klickte mit der Trommel, aber Doris sagte sofort:
"Ich habe Dir doch gesagt, dass wir keinen Motor haben, Henry. Merkst Du es jetzt endlich? Wir sind nur ein Segelflugzeug und nun gleiten wir abwärts. Ich werde aber versuchen, den Hangaufwind zu bekommen, sobald wir tiefer sind."

Sie flogen gerade über den Einschnitt bei Covington, bevor sie weiter südlich bei Boiling Springs wieder auf den Hang trafen. Der Aufwind war tatsächlich dort und fast so stark wie bei Tyrone, so dass Doris  in den "Hammerbart" eindrehte und mit 5 m/sek hochstieg. So erreichten sie schon bald "The Narrows".
Sie bemerkte, dass sie bereits fast die Wendepunkte für ihre beiden Weltrekord Ziel-Rückkehrflüge von 1980 und 1981 erreicht hatte und dabei war es erst kurz vor 10 Uhr am Morgen. Sie drehte den Funk an gerade in dem Moment, als eine Nachricht von Tom durchkam, dass er gerade über dem Gipfel des "Clinch Mountain" war und sich schnell "Gate City" näherte auf der Talseite des  Gebirges.

Hmmm, dachte Doris,  ich bin fast so schnell wie der große voll mit Wasser getankte Nimbus.  Dieser Tag könnte wirklich interessant werden, .....wenn es nicht für diesen irren Typen hinter mir wäre. .....Nun ja, er stellt immerhin so etwas wie Ballast dar; das meiste davon in seinem Kopf!

"Henry," rief sie nach hinten, "Ich bin hier noch nie vorher geflogen und sie sagen alle, dass das Gebiet völlig unlandbar ist, wenn wir aus dem Hangwind heraus kommen.  Willst Du wirklich immer noch weiter fliegen?"
"Natürlich," antwortete er, "Glaubst Du etwa, ich würde auf halbem Wege umkehren und aufgeben? Glaubst Du, ich wäre verrückt oder so etwas?"
"Nein. Ja."  Click, click! machte der Revolver.
"Ich meine Nein - Du bist nicht verrückt; Nein - wir haben noch nicht die Hälfte der Strecke geschafft; Ja - wir fliegen weiter, wenn Du" (und Deine Kanone) "es willst."

Henry senkte den Webley ein wenig, um seinen Straßenatlas der östlichen USA genauer zu studieren und sagte: "Du fliegst viel zu weit westlich.  Wir sollten südwärts fliegen Richtung Florida und Kuba. Ab nach SÜDEN!"  Doris schaute nach Süden und auf die Berge, durch die sich der "New River" hinzog und wurde kreidebleich.  "Henry, die Gegend ist absolut gefährlich zum Landen.  Wir sollten da auf keinen Fall hinfliegen."

"Es ist doch nur gefährlich für eine Landung," antwortete Henry. "Wir werden aber nicht landen, bevor wir in Kuba sind, klar?  Flieg DRÜBER WEG, es wird schon eine Welle auf der anderen Seite stehen, wie ...."
"Ich weiß, ich weiß, wie "Tom gesagt hat"," ergänzte sie,  "Aber wir können aus dieser Höhe heraus dort nicht hinkommen ...."
Biep, biep, biep, bip, bip, bip, bip-bip-bp-bp-bp......

"Tom hat mir gesagt, was DAS bedeutet!" Henry stieß einen Freudenschrei aus, "Steigen!"
Tatsächlich war das der erste thermische Aufwind des Tages und es war erst 10.15 Uhr!
Die ersten tausend Höhenmeter erstiegen sie in nur fünf Minuten, aber in 2.300 Meter über dem Meer starb die frühe Thermik.  Doris schaffte es, noch weitere 100 Meter heraus zu holen, aber schon diese 10 Minuten, in denen es nicht weiter vorwärts ging sondern  nur in Kreisen aufwärts, machten Henry ungeduldig.
"Lass uns jetzt nach Süden gehen," sagte er, "Wir scheinen doch hoch genug zu sein."

"Also, wenn Du glaubst, wir wären hoch genug, dann fliegst DU jetzt!" bellte ihn Doris an und verschränkte Ihre Arme.
Click!  Click!
Doris griff wieder nach dem Knüppel,
"Also gut, ich übernehme wieder."

Ihre Abflughöhe war 2.600 Meter über Meeresniveau und sie flogen mit dem Wind Richtung "Fancy Gap" mit ungefähr 130 km/h über Grund. Die Hälfte dieses 60 km Abschnitts schien ziemlich einfach zu sein, weil der Talboden des "New River" nur 600 Meter hoch lag. So waren sie nach 30 km noch immer 1.000 Meter über Grund. Aber dann stieg das Gelände plötzlich steil an zum 1.000 Meter hohen Bergrücken am "Blue Ridge Parkway" nahe "Radford".  Nach weiteren 15 km erkannte Doris den "Twin Airport" rechts in der Nähe von "Hillsville".

"Henry," sagte sie eindringlich, "wir sind nur noch 400 Meter über Grund.  Wir sollten WIRKLICH auf diesem Flugplatz landen.  Wir sind viel zu niedrig, um weiter zu fliegen und es gibt NIRGENDS eine Möglichkeit zu Landen, wenn wir es nicht schaffen."

Henry konnte die Bäume und die kahlen Felsen unter sich sehen, er schwitzte ein wenig, aber er wollte nicht aufgeben. Außerdem fühlte er sich sicherer auf dem hinteren Sitz mit mehr Masse (und Doris) zwischen sich und der Flugzeugnase.
"Bleib südwärts!" schnauzte er.

"Fancy Gap" - 900 Meter hoch - liegt zwischen einem Berg von 1.150 Metern im Westen und einem weiteren von 1.000 Metern im Osten.  Doris flog die große DG-500 über die Stadt dicht an den niedrigeren Berg zu ihrer Linken. Sie hörte ein Grunzen und einen Seufzer vom rückwärtigen Sitz aber sonst nichts. Das Variometer zeigte 4 m/sek Fallen, als sie das Ende des Steilhangs passierten und dann 5 m/sek Steigen, als sie sich nach Süd-Westen wendeten entlang dem "Blue Ridge Parkway" Richtung "Mt. Mitchell" in der Welle, von der "Tom sagte", dass sie hier stehen müsste.

Der Abschnitt in der "Blue Ridge Welle" ließ den Schweiß auf beiden Sitzen etwas trocknen, aber er trocknete nicht nur - er gefror beinahe. Obwohl sie ständig die Geschwindigkeit bei 220 km/h hielten, stiegen sie während der nächsten zwei Stunden beständig weiter und erreichten zwei Stunden später und fast 500 km weiter "Marietta" mit 3.000 Meter Höhe.
Es war erst kurz nach Mittag!
Doris sagte zu Henry, dass die Welle hier zuende sei.

Er gab nur seine normale Antwort: "Weiter nach Süden ..... nach Kuba!"
Eine dreiviertel Stunde später befanden sie sich über "Cordelle" in guter Thermik.

"Jetzt gibt es keine schnellen Wellenflüge mehr, Henry.  Von hier bis Kuba ist alles flach."
Henry schaute sich um, merkte, dass sie Recht hatte und befahl:
"Flieg von mir aus in der Thermik, wenn Du es musst, aber verschwende keine Zeit mit Kreisfliegen.
Flieg immer nur GERADEAUS nach Süden!"

Man hörte nur einen erschrockenen Ton vom vorderen Sitz und dann eine sorgfältig formulierte Erklärung, dass Thermikfliegen doch gerade bedeute zu KREISEN.
Sie brauchten dann zwei Stunden, um die nächsten 200 km nach "Oak City" zu fliegen in der Nähe der Kreuzung der  I-75 mit der I-10.

"Tom hatte Recht!" rief Henry aus, "Nach meiner Karte sind wir schon in Florida.  Ich habe wirklich nicht geglaubt, dass es eine Frau schaffen würde mich nach Kuba zu bringen, aber Du kannst es!"
Die Haare stiegen ihr im Nacken hoch, als Doris sagte,
"Warte mal!  Was ist das für ein FRAU ALS PILOT-MIST, den Du da erzählst?  Ich könnte uns bis nach Venezuela fliegen, wenn ich wollte!"
"Au, verdammt!" In einer viel leiseren Stimme flüsterte sie," ahhh......  Tu so, als hätte ich das nicht gesagt, Henry.  Außerdem", ihre Stimme wurde wieder lauter, "schau mal in Deine Karte.  Kuba ist noch immer 800 km entfernt und es ist schon 3.00 Uhr nachmittags."

Während der nächsten eineinhalb Stunden hielt Doris eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 100 km/h in der Thermik und das brachte das Paar zum "Crystal River" an der Golfküste.  Sie waren inzwischen beide müde geworden vom Kreisen in der Thermik und freuten sich über die frische Seeluft, die es ihnen erlaubte, wieder geradeaus mit höherer Geschwindigkeit zu fliegen.

Doris konnte während der nächsten dreiviertel Stunde sogar 160 km/h halten und so überflogen sie "St. Petersburg" ungefähr 10 Minuten nach fünf.  Sie hoffte nur, das der Flugverkehr von "Tampa/St. Pete" sie rechtzeitig sehen und ihr ausweichen würde. Wahrscheinlich würden sie die DG-500 aber nicht erkennen mit der niedrigen Sonne im Westen und den länger werdenden Schatten quer über "Anna Maria Island"  in der Tampa Bay.  Sie passierten "Bradenton" und näherten sich "Sarasota", die Front der Seebrise hatte sie beständig in die Höhe getragen.

Doris sah den Höhenmesser 1.200 Meter überschreiten und das Variometer stieg auf 2,5 m/sek. Die leichte Turbulenz der Front war inzwischen verschwunden, und ein sanfter Aufwind ließ sie an eine Welle denken.
Eine Welle?  In Florida?  Dann erinnerte sie sich an  Bob Youngblood's Erfahrungen, damals im Frühling 1983, als er eine Welle im südlichen Florida gefunden hatte, die ihn bis auf 3.000 Meter trug.

Ein PLAN begann sich in Doris' müdem Hirn zu formen......

"Henry, gib mir mal für eine Minute Deine Karte.  Wir scheinen dichter an Kuba zu sein als wir dachten."
Doris nahm die Karte, studierte sie sorgfältig und gab sie Henry zurück. Sie waren jetzt 2.700 Meter hoch und stiegen noch immer mit 1 m/sek. Die niedrige Sonne, ihre Höhe und die hereinbrechende Dunkelheit erschwerten es, Details am Boden zu unterscheiden. Sie zeigte hinunter nach "Placida" und der Nordseite von "Charlotte Harbor" und sagte,
"Siehst Du die Stadt dort an der Bucht?  Das ist "Marco" mit der "Gullivan Bay" gerade daneben."

Henry rätselte eine Weile über seiner Karte, während er versuchte, sie - trotz der schlechteren Sicht vom hinteren Sitz nach vorn - mit der Gegend in Übereinstimmung zu bringen. Schließlich sagte er: "Ich glaube eigentlich nicht, dass wir schon so weit sind. Bist Du sicher?"
"Oh ja, wir sind viel schneller geflogen, als Du denkst, Henry, weil wir zuletzt nicht zu Kreisen brauchten.  Wir werden kurz nach Sonnenuntergang da sein. Ganz bestimmt", sagte sie mit all der Überzeugung, die sie aufbringen konnte.

Jetzt begann der Kampf der Uhr mit dem Höhenmesser.  Doris brauchte nur genug Zeit und genug Höhe, um ihren Plan auszuführen. Je langsamer sie flog, desto schneller stieg sie, aber die Sonne würde bald untergehen, und es gab nur eine kurze Dämmerung in diesen Breiten.  Als sie schließlich "Marco" am Kap Romano erreichte, war sie 4.000 Meter hoch, aber die Wellenwolken verschwanden schnell.

Wegen der Sonne drehte sie ein wenig nach Westen statt nach Süden, zeigte hinunter nach Marco und auf das Kap und sagte, "Das dort ist "Flamingo" an der Südspitze von Florida.  Von hier ist es ein einfacher Gleitflug bis Havanna."  (Richtig?!  Leicht?! Fast 160 km aus 4.000 Metern.  Nun ja, vielleicht würde es ja einen Aufwind geben über irgendeiner off-shore Ölplattform auf dem Weg dahin.....).

Weit links standen noch immer einige Wellenwolken. Diese sowie der Mangel an Menschen und Lichtern in den "Everglades" verhinderten, dass Henry das noch immer vor ihnen liegende südliche Ende von Florida bemerkte. Außerdem war er zu begierig bemüht, vor sich das lang ersehnte Ziel zu sehen:

KUBA, das Paradies der Menschen!

Es war ein langer, langsamer und qualvoller Gleitflug.  Die Sonne und die DG-500 sanken beständig in Richtung Meer. Die Sonne gewann das Rennen etwa eine Stunde hinter Marco. Schnell verging die Dämmerung, aber in 1.400 Metern Höhe bleibt das Licht ein paar Minuten länger als auf Meeresniveau. Als es vollständig dunkel war, konnte Doris soeben die Lichter von "Key West" 50 km im voraus erkennen.

"Schau her, Henry!" rief Doris aus, "Das ist Havanna!  Sieh nur die Lichter!"

"Au, das sieht aber sehr ....... weit ....... weg aus. .....schaffen wir das?" Henry fing schon wieder an, ein wenig zu schwitzen.
"Nun, wenn wir es nicht schaffen, sind wir aber nahe genug dran, um den Rest zu schwimmen," antwortete Doris.
(Vorausgesetzt natürlich, wir überleben den Crash im Wasser.)

Doris hielt ein Auge ständig auf den Geschwindigkeitsmesser, um den besten Gleitwinkel zu realisieren und ein Auge auf die Lichter der Küste, um die Flügel gerade zu halten, ein weiteres Auge auf den Höhenmesser, um ihre Hoffnung oben zu halten, wenn schon nicht das Flugzeug und schließlich schielte sie mit einem letzten Auge nach unten, um wenigsten gewarnt zu werden, bevor sie auf dem Wasser aufschlug.

Der Strand und das Wasser rasten nun aufeinander zu mit einem Gleitwinkel von 42:1.  Die nächsten 20 Minuten zogen langsam vorüber.  In den Bergen von Pennsylvania hatte Doris schon oft probiert, in gleicher Höhe zu fliegen mit Adlern und Falken, aber jetzt fand sie sich plötzlich in gleicher Höhe mit Pelikanen!  Im Boden-Effekt!  Oder - in diesem Fall - im Wasser-Effekt! Sie waren unten, 1,5 Meter oberhalb der niedrigen Wellen mit Pelikanen rechts und links. Sie wusste nicht, wie schnell sie sinken würde nach einer Wasserlandung mit Untertauchen. Sie hielt das Flugzeug oben so lange sie konnte, 90 km/h, 80...70...65... Die Nase kam höher und höher.....  Platsch! Platsch! Platsch! Das Rumpfende fing an, die Wellenspitzen zu berühren und sie schrie Henry zu, "Festhalten!". Seewasser schlug über dem Cockpit zusammen, und ein lauter "KRACH" war zu hören, als die Nase über zerbrochene Muscheln und Sand scheuerte.

Als Doris ihre Augen wieder öffnete (alle vier auf einmal), lief das Wasser am Cockpit herunter und sie konnte die Lichter einiger Strandhäuser erkennen. Die Nase der DG-500 befand sich ein paar Meter auf dem Strand, während das Rumpfende noch im seichten Wasser lag. Einen Moment war alles still, bevor beide Hauben geöffnet wurden, um die verzweifelt benötigte frische Tropenluft hinein zu lassen. Doris hatte schon einen besonderen Geruch festgestellt, als sie den niedrigen Pass über "Fancy Gap" überquerten und erwartete deshalb schon, dass der hintere Sitz nass war.
Henry schaffte es, als erster auszusteigen und schaute auf Doris hinunter, die irgendwie Probleme mit ihren Gurten zu haben schien.

"Nun, Tom hatte gesagt, Du könntest es schaffen. Ich habe von diesem Tag so oft geträumt, an dem ich endgültig im Paradies der Menschheit ankommen würde. Bleib jetzt mal 15 Minuten hier und mach keinen Unsinn!"

Ohne ein weiteres Wort lief Henry los in Richtung der Lichter, während er noch immer seinen Beutel fest hielt.

"Warte mal eine Minute!" schrie Doris und sprang aus der DG-500,
"Du hast noch nicht für diesen Flug bezahlt!"
"Was meinst Du mit "bezahlt"? Man BEZAHLT doch nicht, wenn man ein Flugzeug entführt. Dafür habe ich doch die Kanone," antwortete Henry amüsiert.
"An MEINEM Flugplatz wirst Du nicht fliegen ohne Bezahlung!" Doris wurde wütend.
"Das war ein Flug von fast 14 Stunden zu $72/Stunde. Das sind, ähhh, ungefähr $1.000.
Die Rückholgebühr für Außenlandungen beträgt 2 $/ Meile - sagen wir  $2400.
Meine Mannschaft und ich werden Kosten für Spesen und Übernachtung für drei Tagen haben. Das macht weitere $600.
Das Flugzeug kann zwei Tage nicht benutzt werden - $800.
Wir müssen das Salzwasser aus dem Flugzeug entfernen und Deine Schweinerei vom Rücksitz  -  $300!
Die Rumpf-Unterseite wieder in Ordnung zu bringen, macht weitere $400.
Und meine Gebühr als Fluglehrer ist $28/Stunde, das macht, ähhh, ungefähr $400.
Und und ....was denkst Du von einem Trinkgeld für besonderen Service?  Sagen wir mal $200.
Alles zusammen also mindestens $6.000.
Zahl das erst, bevor Du abhaust, Du eingebildeter Fatzke!"

Henry hörte zu, überwältigt durch diese rasante Kalkulation nach einem so anstrengenden Flug. Er stotterte ein paar Worte, aber er merkte sofort, dass es sinnlos war, gegen sie zu argumentieren. Außerdem waren seine Hosen nass. Er hielt Doris den Beutel hin und sagte, " Nimm Du den Beutel! Ich werde ihn im Paradies der Menschheit nicht gebrauchen. Es sind ungefähr $8,000 drin und Du kannst den Colt als Trinkgeld dazu bekommen. Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, wenn Du ihn heraus nimmst - er ist leer!" Und so drehte er sich um und marschierte den Strand hinauf.

"Leer?" Doris' Knie zitterten ein wenig und sie hielt sich am Flugzeug fest.  "LEER?!  Ich bin die ganze Zeit geflogen wegen einer leeren Pistole?"  Sie nahm den Webley heraus, drückte mit dem Daumen die Sicherung zur Seite und schaute für einen Moment in die leeren Löcher des Zylinders, dann warf sie die Kanone voller Widerwillen ins seichte Wasser.
"Nein!" sagte sie zu sich selbst, "Ich habe den ganzen Weg nur durch Mut und Erfahrung geschafft!  Nun, wo ist hier das nächste Telefon?"

Während sie sich selbst in der Telefonzelle abstützen musste, wählte sie ihre Nummer zuhause.
Es war niemand da, aber weil Doris' Tochter erwartet hatte, dass ihre Mutter anrief, hatte sie eine Rufweiterschaltung eingegeben, die Doris nun mit Tom's Motel verband.

"Ich würde gern wissen, in welchem Staat er gelandet ist?" fragte sich Doris selbst, während "Ma Bell" die Verbindung aufbaute.

"Hallo, Shady Pines Motel und Segelflugplatz, Tom am Apparat. Hallo, möchten Sie einen Gastflug nach Pennsylvania buchen?"
"Tom, wo bist Du überhaupt?" fragte Doris, während Erschöpfung in ihrer Stimme klang.

Tom antwortete prompt, "Doris, Du wirst niemals glauben, wo ich heute hin geflogen bin."
"Ich hatte heute auch einen recht ordentlichen Flug," sagte Doris. "Aber erzähl Du ruhig Deine Geschichte zuerst."

"Ich bin in Havanna."

Dieses Mal gaben Doris' Kniee WIRKLICH nach.  Sie sank auf den Boden mit dem Rücken zur Außenseite der Telefonzelle und wiederholte fassungslos, "Havanna? Du bist die ganze Strecke nach Kuba geflogen?!"

"Unfug!" gab Tom vergnügt zurück.  "Nein, Ich muss zugeben, dass ich nicht ganz SO weit gekommen bin. Genau gesagt, ich bin in Havanna, Florida.  Das ist ein bisschen nördlich von Tallahassee; ungefähr fünf Kilometer südlich der Grenze zu Georgia. Aber ich habe es GESCHAFFT bis nach Florida  - nach all den Jahren, in denen ich auf die richtigen Bedingungen dafür gewartet habe.
Ich bin unseren Bergen entlang geflogen bis "Lutrell", habe eine Querung zum "Sequatchie" und "Lookout Mountain" Hangwind-System gemacht, dann bis nach "Gadsden" und in der Thermik weiter bis hierhin. Ich wollte eigentlich bis zur Golfküste von Florida kommen, für den Fall, dass dort eine Seebrisen-Front steht."

"Da war eine Seebrisen-Front," sagte Doris, während ihr Blutdruck wieder auf normale Werte anstieg. "Nun, Ich habe versucht, nach Kuba zu kommen...."  Einen Moment war Stille an beiden Enden der Leitung.

"Doris, WO bist DU?!"
"Sage ich doch: Ich habe versucht, nach Kuba zu kommen........"

Tom unterbrach und meinte, "Cuba, New York?  Cuba, Ohio?  Nicht Cuba, Tennesee!  Der Weg ginge über Memphis."  Ein paar Sekunden war Stille und dann sagte Tom, "Du meinst doch nicht Kuba, das LAND oder doch?"

"Erinnerst Du Dich an den kleinen Kerl, der gestern auf den Flugplatz kam und von Dir zu einem Gastflug am Morgen mitgenommen werden wollte?" fragte Doris, "Nun, er hat mich in meiner DG-500 entführt.  Er hatte eine Kanone und bestand darauf, nach Kuba geflogen zu werden."

"Er hat Dich ENTFÜHRT?!" Tom explodierte, "In einem SEGELFLUGZEUG?!  Der Kerl ist verrückt!"

"Ich habe die Welle bei Tyrone genommen," sagte Doris, "blieb darin bis Monterey und flog dann weiter zum Hangwind bei Covington.  Wir blieben in dem Aufwind bis "The Narrs" und flogen in der Thermik zu den Blue Ridge. Die "Mt. Mitchell"-Welle brachte uns bis Marietta und ermöglichte einen langen Gleitflug bis Cordelle. Dann in der Thermik zum Crystal River bis zum Golf und dort war - wie Du richtig gesagt hast - eine Seebrisen-Front.
So flog ich an dieser Front entlang, bis ich die Welle von Tampa fand.
Erinnerst Du Dich an Bob's Artikel im "Soaring-Magazine" Ende 1983 über die Florida-Welle?"

"Ja, aber beende mal erst Deine Geschichte, Doris," sagte Tom ruhig.
"Nun, ich habe dem Flugzeug-Entführer gesagt, wir könnten vom Ende der Welle bis Havanna gleiten," setzte Doris fort, "nicht das Havanna, wo Du jetzt bist, sondern das auf Kuba. Aber ich habe das dann doch nicht gemacht.
Ich bin nur bis Key West gekommen."

Es folgte eine lange Stille auf Tom's Seite.  Schließlich flüsterte er beinahe:
"Du bist NUR bis Key West gekommen?
Und Du hast es versucht bis  .......NACH KUBA?"   


Eine kleine Anekdote dazu:

Unsere jüngste Tochter begann ihr Studium in Göttingen.
Am Anschlagbrett in der Mensa warben verschiedene Vereine um neue Mitglieder, auch ein Segelflugclub aus Göttingen. 
Um nun zu demonstrieren, wie spannend Segelfliegen sein kann, hatte man eine Strichzeichnung aufgehängt, bei der in einem Doppelsitzercockpit ein Mann der Pilotin einen Revolver in den Nacken drückt und in einer Sprechblase fordert: "....nach Kuba!"
Woher mögen die Studenten wohl die Idee zu dieser Zeichnung genommen haben? 

 

Nach oben | Home | Kontakt | Newsletter | Handbücher | Bestellinfo | Ersatzteile | Techn. Fragen | Fragen allgemein