"Eight-zero knots, twohundred feet, Sir". Höfliche Leute sind das - wirklich. Wer hat mich je vorher mit "Sir" angeredet? "Steer to two-one-zero, Sir!" Na, das kann ich auch noch, denke ich und gehe vorsichtig in eine Linkskurve. "Right turn, please!" Ouppps, wieso habe ich jetzt den genannten Kurs mit 120 Grad assoziiert?
Es ist aber auch ein bisschen viel verlangt, mit zwei Steuerknüppeln gleichzeitig herum zu rühren, Kurs zu halten, auf die Kugel im Käfig zu achten, das ganze mit 150 km/h in 60 Meter Höhe über dem Wasser und dann bei den Nebengeräuschen englisch gesprochene Anweisungen richtig auszuführen!
Was ich hier eigentlich mache? Ich fliege einen Seaking Helicopter - 9 Tonnen schwer mit 2000 PS - und ärgere mich, dass alle 9 Leute an Bord über Funk mitbekommen haben, dass ich mich gerade blamiert habe.
Und wo? Über dem Skagerrak und Kattegat in Richtung zur "HMCS Halifax".
Wieso das? Ja, das ist nun eine längere Geschichte, hat nur bedingt mit Segelfliegen zu tun, aber da es wohl das ungewöhnlichste Erlebnis meiner jungen 54 Jahre ist, mag es vielleicht wert sein, erzählt zu werden:
Da wollte im Frühjahr 2000 ein Kanadischer Segelflieger Urlaub in Florida machen und dort auch fliegen. Er stieß auf unsere Web-Site und fand dort sowohl die Adresse einer Flugschule - Seminole Lake Gliderport - als auch für das Flugzeug, welches er dort chartern wollte, gleich die Leistungsdaten und ein komplettes Handbuch zum herunter laden. So konnte er bestens präpariert in den Urlaub fahren, was ihn veranlasste, mir begeistert zu schreiben. Auf diese Weise haben wir uns erstmal per E-Mail kennen gelernt.
Ein paar E-Mails später - Yves hatte inzwischen gesehen, dass ich auch Segler bin - erklärte er mir, er sei Marine-Offizier und fragte, ob ich Lust hätte, ihn auf "seinem" Schiff ein wenig zu begleiten. Das führte sofort zu einer Antwort und zwei Fragen:
Klar würde ich gern mal auf einem Kriegsschiff fahren - er solle mir nur sagen, wann ich wo sein soll.
Aber was heißt "sein" Schiff? Was mag er denn sein? Dritter Offizier oder Kapitän?
Und was für ein Schiff wird das sein? Ein Küstenschnellboot oder ein Flugzeugträger?
Also denn, das ließ sich auch noch klären:
Yves Bastien ist Commander einer Kanadischen Fregatte. Die "HMCS Halifax" ist 135 Meter lang, hat 225 Mann Besatzung und verdrängt 5.000 Tonnen. Und es sei auch nicht nötig, mit dem Koch zusammen in einer Hängematte zu schlafen - ganz im Gegenteil könne ich die Admirals-Kajüte bekommen. Na, das ist doch angemessen, oder?
Als ich in Göteborg ankam, lagen dort im Hafen noch acht andere Schiffe ähnlicher Art. Fregatten aus neun Nationen der NATO legten am nächsten Morgen ab zum Seemanöver - und Friedel Weber auf der Brücke. Gehört so etwas wirklich untrennbar zu dem Job, Segelflugzeuge zu bauen?
Die Fülle der Eindrücke komplett beschreiben zu wollen, müsste die Einrichtung einer neuen Web-Adresse bedeuten - also will ich mich hier auf ein paar Highlights beschränken, die mir besonders auffielen. Dabei ist noch voraus zu schicken, dass ich nie beim Militär zu sein brauchte und ich mir deshalb vorkam, wie in einer "Nebenwelt", von deren Existenz ich bis dahin nichts wusste. Vielleicht interessiert Sie es ja, wie es so an Bord zugeht.
Das ganze Schiff horcht auf sein Kommando. Er hat ein gemütliches Wohnzimmer und braucht keine Wache zu gehen, denn er ist immer im Dienst. Durchschnittlich alle fünf Minuten stellt irgend jemand eine Frage. Beim Essen liegt immer das Telefon neben ihm. Über seiner Koje ist ein großer Kompass montiert und das unvermeidliche Telefon hängt an einer Leine direkt neben ihm. Keiner muss auf dem Schiff "stramm stehen", aber eine gewisse Distanz zum Captain ist immer zu spüren - auch von seinen Offizieren. Und das heißt eben, dass er auch nie mit irgend jemandem ein privates Wort wechseln kann. Ein Commander ist einsam. So ganz falsch ist diese Verallgemeinerung sicher nicht.
Abends sitzt der Captain über seinen Tabellen und freut sich: "Das war ein guter Tag. Wir haben heute nur 23 Kubikmeter Brennstoff verbraucht." Nun ja - mit 23.000 Litern fährt mein Auto 6 mal um die Erde!
Die Borddisziplin ist auf allen Ebenen zu spüren bis hinunter zu den Mannschaften.
Gleichgültig mit wem man spricht, trotz ausgesprochener Freundlichkeit der Leute ist die Distanz immer vorhanden.
Das System von "Befehl und Gehorsam" ist einfach Teil des Bordlebens und wird von niemandem in Frage gestellt. Wenn ein Offizier etwas sagt, wird nicht diskutiert sondern die Anweisung ausgeführt:
Schnell, zackig, präzise!
Wie anders ist das in einem Unternehmen - hier wollen wir ja gerade, dass jeder mitdenkt und dem Abteilungsleiter deutlich widerspricht, wenn er meint, es besser zu wissen.
Ein Trip auf einem Kriegsschiff kann jedem gefallen bei schönem Wetter in der Sonne, wie ich es hatte! Aber während eines Dezember-Sturms auf dem Nordatlantik wird auch Wache gegangen und draußen gestanden. Ein leichtes Leben ist das ganz sicher nicht.
Im Allerheiligsten, dem hochgeheimen "Operations Room", laufen alle Informationen zusammen. In kritischer Situation steht der Captain anscheinend nicht auf der Brücke sondern sitzt dort vor einem Bildschirm. Was er dort macht? Ich habe keine Ahnung. Es gibt eben Grenzen - auch für den Gast des Commanders, wenn der "nur" Zivilist ist!
Einen Seaking Hubschrauber zu fliegen, ist schon eine Herausforderung der besonderen Art.
Wenn das verd...... Ding doch bloß nicht so viele Freiheitsgrade hätte. Es rutscht aber auch wirklich nach allen Seiten weg und ist mit seinen 9 Tonnen Gewicht genauso wendig wie eine DG-808. Als ich dann die einfache theoretische Forderung, dass man die Höhe mit der kollektiven Blattverstellung und die Geschwindigkeit mit dem Knüppel steuert, in die Praxis umsetzen konnte, ging es etwas besser. Und als nach mehr als einer Stunde der Pilot auf dem rechten Sitz die Hände vom Knüppel nahm, war ich wieder zufriedener. Aber zur Landung auf dem schwankenden Flight-Deck habe ich das Steuer gern zurück gegeben.
Dass ein Helikopter auf einem internationalen Flughafen (Kopenhagen-Kastrup) auf der 3.000 m Bahn "landet" (er setzt sich eben auf die Schwelle) und dass er dann hinter einem gelben Follow-me zur Parkposition rollt, das war mir vorher auch nicht klar. Der Start geht genauso!
Der Spruch wird beim Militär eisern eingehalten und davon kann auch noch ein Segelflieger lernen. Vielleicht ist auch manches übertrieben, aber alle Regeln werden eisern befolgt und vor jedem Flug gibt es im Briefing immer wieder den gleichen Abschnitt mit den Sicherheitsregeln. Und die werden dann auch geübt mit simulierten Notfällen bis zum Umfallen. Aber wenn es notwendig ist, können die Leute es wenigsten!
Da wird ein Dummy über Bord geworfen. Als er nach 1,5 Minuten am Heck ankommt, gibt die Wache Alarm, Rauchpatronen fliegen über Bord. Während Leute heran stürzen zum Kran und Schlauchboot, dreht das Schiff einen Vollkreis. Das Boot wird zu Wasser gelassen, es jagt zum "Ertrinkenden", holt ihn an Bord und schon stürzen sich die bereit stehenden Sanitäter auf den Soldaten, der fix die Position des Dummy eingenommen hat.
Hat hier jemand gelacht? Und der "XO" (Executive Officer) Mr. Aquanno steht dabei mit der Stoppuhr in der Hand! "Six and a half minutes - not so bad, but we already did it in six!"
Oder wir werden vom Nachbarschiff geentert, denn wir sind plötzlich zu einem virtuellen Bananendampfer mutiert, der mit verdächtiger Fracht unterwegs ist und durchsucht werden soll.
Der Captain des Dampfers spricht dummerweise nur Deutsch, was das Norwegische Schiff in Probleme bringt (Wer der Captain wohl war?). Der Kerl ist außerdem nicht kooperativ und muss erst mit einem Schuss vor den Bug gestoppt werden ("geschossen" wird mit einem Scheinwerfer). Und dann kommen martialisch gekleidete Norwegische Soldaten mit dem Schlauchboot an Bord und lassen sich den Bananendampfer zeigen. Und außerdem geschah es uns nur Recht, dass wir geentert wurden, denn zwei Stunden vorher hatten wir mit Ihnen das gleiche gemacht.....
Wer lacht, wird erschossen - "Bumm", sagt einer, denn Munition ist nicht in den Maschinenpistolen.
Nun ja, wie soll man sonst lernen, ein Schiff zu stoppen und bei Seegang an Bord zu gehen?
Und plötzlich ist spezielle Kleidung angesagt. Bei der Verabschiedung des Flaggschiffs der Flotte oder beim Empfang durch den kanadischen Botschafter verwandelt sich der (scheinbar) lockere Commander in einen geschniegelten Militäroffizier mit makelloser Ausgehuniform und sogar einem Degen. Nachdem mir meine Frau jahrelang zu allen möglichen Anlässen vergeblich Krawatten eingepackt hat, konnte ich Sie hier mal benutzen. Auch das ist sicher Teil dieser "Nebenwelt".
Man kann Empfindungen nicht gut wiedergeben und die Beschreibung der Eindrücke klingt mir selbst irgendwie trocken und blutarm.
Was soll ich sagen?
Es waren die aufregendsten Tage und interessantesten Erlebnisse, die ich jemals hatte. Ich möchte kein Seeoffizier sein mit all der Verantwortung und Mühe. Aber mit einem Offizier als "very special guest" auf einem großen Kriegsschiff mitzufahren, das ist sicher ein Erlebnis, welches im Leben nicht wiederkommt.
Und so ein klein wenig Respekt vor der Arbeit der Soldaten habe ich auch bekommen.
Three Cheers for the Canadian Navy!
Three Cheers for Commander Yves Bastien
and the Crew of HMCS Halifax!
