„Verabschiedung“ von Wilhelm Dirks

38 Jahre lang war Wilhelm Dirks als Chefkonstrukteur zuständig für die Neu- und Weiterentwicklung der DG Flugzeuge. Im August 2012 wurde er 65 Jahre alt und am 6. Oktober haben wir ihn feierlich in seinen Ruhestand entlassen.
Dabei steht das Wort „Verabschiedung“ aber ganz bewusst in Anführungszeichen, denn einen Mann wie Wilhelm Dirks lässt man ja nicht so einfach gehen, sondern bindet ihn weiter an das Unternehmen. Und so wird Wilhelm auch in absehbarer Zukunft als Freiberuflicher für uns tätig sein und behält sein Amt als „Leiter des Qualitätsmanagements“.
Wilhelms Karriere und sein Einfluss auf den weltweiten Segelflugzeugbau waren schon mehr als ungewöhnlich.
Da gab es Anfang der 70er Jahre die Akaflieg in Darmstadt. Hier kamen mehrere glückliche Umstände zusammen, dass nämlich an der Technischen Hochschule ein Institut für die Materialerforschung vorhanden war und man sich dort sehr intensiv mit dem völlig neuen Werkstoff des Glasfaser verstärkten Kunststoffs beschäftigte. Und es gab bei dieser Akaflieg wohl einen angestellten Meister, der sein praktisches Wissen an mehrere Generationen von Studenten weiter gab, die dadurch unter optimalen Bedingungen die neuen Werkstoffe in ihren Neukonstruktionen praktisch einsetzen konnten.
Das Ergebnis war, dass aus der Akaflieg Darmstadt fünf Ingenieure hervor gingen, die in den folgenden drei bis vier Jahrzehnten den weltweiten Segelflugzeugbau prägten:

  • Da ist Gerhard Waibel zu nennen, der nach seinem Studium bei der schon bekannten Firma Alexander-Schleicher anfing, es dort zum Chefkonstruteur brachte und Vater der AS“W“-Flugzeuge wurde.
  • Der zweite war Klaus Holighaus, der ebenfalls bei einem Flugzeughersteller anfing. Er übernahm später diese Firma „Schempp-Hirth“ und machte daraus einen weltberühmten und erfolgreichen Hersteller.
  • Wolf Lemke traf mit seinen Ideen auf den Inhaber eines Unternehmens für Rolladenbau, und so entstand aus der Firma „Rolladen-Schneider“ nach einigen Jahren der bekannte Segelflugzeughersteller „LS“.
  • Und in ähnlicher Weise traf Wilhelm Dirks bei einer Außenlandung in einem Wettbewerb mit einem Bauunternehmer zusammen und gründete mit ihm die „Glaser-Dirks Flugzeugbau GmbH“. So wurde er der Vater der „DG“ Flugzeuge.
  • Und der Fünfte dieses erfolgreichen Quintetts war Heiko Friess. Er ging zum Luftfahrt-Bundesamt, machte dort Karriere und half den anderen vier Konstrukteuren über die Hürden der Zulassung ihrer Modelle.

Diese fünf jungen Männer sorgten dafür, dass die Deutschen Segelflugzeug-Hersteller den Weltmarkt beherrschten, und bis heute hat sich an dieser Situation nichts geändert. Wilhelm war der Jüngste von ihnen, ging nun als letzter in Pension, und mit ihm endet eine ganze Ära des Segelflugzeugbaus.

Wenn man sich die Konstruktionen der vier jungen Leute in der Rückschau ansieht, so gibt es viele Gemeinsamkeiten aber auch einige markante Unterschiede. Jeder setzte so seine eigenen Schwerpunkte.
Die zwei Charakteristika der DG Flugzeuge habe ich mit „warmen Füßen und ein funktionierendes Antriebssystem“ beschrieben:
Einen DG Einsitzer in großer Höhe bei tiefen Außentemperaturen zu fliegen, ist immer wieder ein Genuss – besonders im Frühjahr in Süd-Frankreich. Die Sonne hält die Füße warm und ermöglicht so auch  bequem längere Flüge bei niedrigen Temperaturen.
Mit der DG-400 kam dann der erste wirklich zuverlässige Eigenstarter auf den Markt mit dem DEI, welches heute noch ein Alleinstellungsmerkmal unseres Unternehmens ist. Die dort schon in den 80er Jahren realisierten Sicherheitsschaltungen, die erfolgreich die üblichen Pilotenfehler schon im Entstehen verhindern, haben mich später veranlasst, das Nachfolgemodell zu bestellen.
In all den Jahren hat es niemals eine unfreiwillige Außenlandung mit einem DG Flugzeug gegeben, weil der Pilot z.B. in der Hektik vergessen hatte, die Zündung einzuschalten. Diese und andere Sicherheitsschaltungen hat Wilhelm zusammen mit Utz Schicke schon sehr früh entwickelt und der DG-400 und später der DG-800 dadurch zum Erfolg verholfen. Und noch eine dritte Besonderheit in Wilhelms Laufbahn soll erwähnt werden, und das wissen viele gar nicht:
Schon Ende der 70er Jahre kam es zu einer Zusammenarbeit mit der damals noch staatlichen Firma ELAN in Jugoslawien, dem heutigen Slowenien. Natürlich war das Anfahren der Produktion dort zuerst mit vielen Schwierigkeiten verbunden und jahrelang kamen Mitarbeiter von ELAN nach Bruchsal bzw. fuhr Wilhelm und sein Team nach Slowenien, um das notwendige Know-how zu vermitteln. Viele der ELAN Mitarbeiter machten sich im laufe der Jahre selbstständig und so entstand eine große Composite Industrie in dieser Region. So hat Wilhelm also direkt etwas für die Entwicklung einer ganzen Region getan.

Als eine besondere Attraktion war zu Wilhelms Fest auch der Besitzer der allerersten DG-100, Werknummer 1, Kennzeichen „D-7100“ mit seinem Flugzeug gekommen. Unglaublich, wie schön dieses Flugzeug noch nach 40 Jahren Einsatz ist und seinen Eigentümer nach wie vor freut.

 

 

 

 

– Friedel Weber, Okt. 2012 –

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