Schnallen Sie sich richtig an?

Es mag vielleicht für manchen von Ihnen provozierend klingen, aber diese Frage ist wirklich ernst gemeint! Das Cockpit eines Segelflugzeuges bietet zweifellos nicht sehr viel Schutz für den Fall eines Unfalls. Fast jedes Auto hat ein größere und stabilere „Knautschzone“, die die auftretenden Energien aufnehmen kann. Zum Glück wird dies allerdings zumindest zum Teil kompensiert durch ein von uns verwendetes recht gutes Rückhaltesystem – unsere 4-Punkt oder gar 5-Punkt Gurte.
Diese Gurte müssen allerdings

  • richtig montiert sein
  • richtig ausgelegt sein
  • richtig bedient werden,

um einen maximalen Schutz zu bieten.
Der Technische Überwachungsverein Rheinland – „TÜV Rheinland“ – hat sich intensiv mit diesen Fragen auseinander gesetzt. Hier hat uns Martin Sperber von der Abteilung „Luftfahrt“ zu einem sehr informativen Gespräch zur Verfügung gestanden, dessen Ergebnisse hier zum Teil wiedergegeben werden sollen:
Der wichtigere der beiden Gurthälften ist in jedem Fall der Beckengurt. Er muss den größeren Teil der Energie aufnehmen, weil wir im Bereich ab unterem Rippenbogen bis zu den Füßen natürlich viel schwerer sind als im Oberkörper. Der Befestigungspunkt der Beckengurte muss so gewählt sein. dass er in einem Winkel von etwa 80 Grad unterhalb des Drehpunktes des Körpers leicht nach hinten versetzt angebracht wird. Der Drehpunkt ist etwa der Ansatz des Hüftknochens.
Schon bezüglich dieser simplen Erkenntnis wurden in der Vergangenheit bei vielen Segelflugzeugen Fehler gemacht und die Gurt-Befestigungspunkte falsch plaziert – weil man es wohl nie besser gewusst hat. Durch Intuition (oder Glück) war die Befestigung bei DG Flugzeugen von Anfang an richtig.
Für unsere Flugzeuge gilt weiterhin, dass wir eine relativ steile Position der Oberschenkel-Auflage haben. Das ist durchaus bequem und verhindert mit, dass der Pilot bei einem Crash nach vorn unter seinem Gurtzeug durch rutscht – „Submarining“ genannt.
Aber bei der Befestigung der Schultergurte musste vor einigen Jahren „nachgebessert“ werden und zwar bezüglich ihres waagerechten Abstandes. Er muss so eng gewählt werden, dass die Gurte soeben nicht am Hals scheuern. Macht man den Abstand größer, hat der Pilot zwar subjektiv ein bequemeres Gefühl, doch können die Gurte dann auf die Oberarme herunter rutschen und so ihre Wirkung verlieren.
Man sollte es eigentlich nicht glauben, aber auch bei den Gurt-Herstellern werden zum Teil völlig falsch konstruierte Teile auf den Markt gebracht.
Natürlich dürfen sich während des Fluges die Gurte nicht von selbst lockern, wie es bei einigen Fabrikaten passiert. Das dort verwendete Gurtmaterial und seine Beschläge sind einfach zu glatt.
Und man muss den Beckengurt nach oben stramm ziehen können. Bei einigen Typen muss man nach unten ziehen im Bereich zwischen Oberschenkel und Bordwand und da hat man weder ausreichend Platz noch Kraft zum Ziehen.
Und dann muss der Pilot sich noch richtig anschnallen und dabei gilt:
Ziehen Sie den Beckengurt so stramm wie möglich!
Er trägt Sie vor allem beim Rückenflug, bei Turbulenzen und schützt Sie bei einem Crash, indem er auch verhindert, dass Sie unter Ihren Gurten durch rutschen.
Ziehen Sie den Schultergurt deutlich schwächer an.
Ziehen Sie niemals durch festes Anziehen des Schultergurtes das Gurtschloss nach oben in den Bereich der Bauchdecke.
Vielmehr muss der Beckengurt so fest angezogen sein, dass das Gurtschloss auch dann noch in der richtigen Position verbleibt, wenn Sie die Schultergurte festziehen. Und festziehen müssen Sie sie natürlich, damit Sie bei Turbulenzen nicht mit dem Kopf durch die Haube schlagen!
In dieser Beziehung werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht:
Man kommt meist besser an die Schultergurte dran und zieht sie dann ähnlich fest wie die Beckengurte. Damit aber zieht man das Gurtschloss nach oben und es sitzt dann über den Weichteilen im Bauchbereich. Ein so „geschützter“ Pilot sieht zwar nach einem Crash noch ganz ordentlich aus. Er stirbt aber möglicherweise ein paar Stunden später an inneren Blutungen!
Bei einem größeren Segelflug-Wettbewerb haben Mitarbeiter des TÜV Rheinland die beteiligten Piloten gefragt, ob sie vielleicht irgendwelche Probleme hätten mit dem Anschnallen. Die Antwort war bei 80% der Piloten, dass sie keine Probleme hätten.
Man ist dann vor dem Start einmal bei allen Piloten vorbeigegangen und stellte fest, dass im allgemeinen die 20% der Piloten „mit Problemen“ richtig und fest angeschnallt saßen. Die anderen saßen zwar recht bequem in ihren Cockpits aber eben völlig falsch angegurtet mit einem Gutschloss am unteren Rippenbogen. Und das kann bei einem Crash schlimme Folgen haben!

5-Punkt Gurt

Es ist offensichtlich, dass manche Probleme, die hier angesprochen wurden, bei einem 5-Punkt-Gurt gar nicht passieren können. Er sitzt immer optimal auf dem Becken, rutscht nicht zu weit nach oben, „Submarining“ ist ausgeschlossen – scheinbar eine perfekte Konstruktion.
Dann hat man die Kräfte an dem kurzen senkrechten Gurtstück gemessen im Falle eines Crash und fand dort eine Belastung von 8 kN – entsprechend einer Gewichtskraft von 800 Kg !!! Und das meine Herren halten wir an unseren „edelsten Teilen“ nicht aus und unsere Damen auch nicht!
Es mag Sie verblüffen, aber die Aussage von Martin Sperber vom TÜV Rheinland war ganz eindeutig:
5-Punkt-Gurte sind unter Sicherheitsaspekten abzulehnen!
Natürlich bieten sie bei Kunstflug ein höheres Maß an Komfort, weil eben nichts so leicht verrutschen kann. Ein engagierter Mitarbeiter des Luftfahrt-Bundesamtes ist der Sache aber mal in seiner Freizeit detaillierter nachgegangen und hat verschiedene Kunstflüge mit 4- und 5-Punkt-Gurten absolviert.
Ergebnis:
Ein richtig montierter und richtig angelegter 4-Punkt-Gurt bietet das gleiche Maß an Komfort und Halt wie ein 5-Punkt-Gurt. Im Crashfall kann er Sie aber vor schweren inneren Verletzungen bewahren. Wenn Sie aber einen 5-Punkt Gurt verwenden, dann ziehen Sie in dem Fall den Beckengurt ganz besonders stramm, um im Falle eines Crashs nicht gegen den senkrechten Gurt zu rutschen!

Fazit:

Die Montage der Haltepunkte dürfte heute in allen
modernen Flugzeugen richtig sein.

Das richtige Anlegen aber müssen Sie selbst beachten, in dem Sie den Beckengurt maximal straffen und den Schultergurt deutlich weniger anziehen.

 

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