Automatischer oder manueller Fallschirm

Automatischer oder manueller Fallschirm

Fast jeder Pilot wird die Benutzung eines manuellen Fallschirms bequemer finden als die eines automatischen – entfällt doch das lästige Einklinken der Aufzugsleine und beim nochmaligen Aussteigen muss man nicht aufpassen, versehentlich seinen Schirm auszulösen. Sicherer dürfte indes ein Automatikschirm sein.
Im Sommer 1998 hat es leider einen schweren Unfall mit einem Zusammenstoß in der Luft gegeben, bei welchem der dabei umgekommene Pilot bei Benutzung eines automatischen Schirmes möglicherweise überlebt hätte. Im „Fliegermagazin 12/98“ ist der Unfallbericht abgedruckt worden und der hier interessierende Abschnitt lautet:
……. Anders der Einsitzer: Wie sich aufgrund von Spuren am Haubenabgang des Doppelsitzers rekonstruieren ließ, war der Einsitzer mit seinem Sporn hinter dem Kopf des Passagiers gegen den Rumpf geprallt und hatte anschließend erst das hintere dann das vordere Haubenteil zertrümmert. Dabei brach die Rumpfröhre etwa einen halben Meter vor dem Leitwerk ab. Nur durch die Steuerseile blieb der Rest am Rumpf hängen.
Unsteuerbar tauchte der Einsitzer in den Sturzflug ab. 200 Meter über dem Boden gelang es dem erfahrenen Piloten – 1220 Flugstunden, 100 auf dem fraglichen Muster -, das Cockpit zu verlassen und den Rettungsschirm zu aktivieren. Der zog zwar aus, entfaltete sich jedoch nicht. Wie eine Fackel flatterten Fangleinen und Kappe hinter dem Stürzenden her – bis er nahezu ungebremst auf den Boden prallte. Ohne Überlebenschance. Wenige Meter entfernt schlug seine Maschine auf.
Tragisch an diesem Unfall: Der Pilot hatte nicht nur das Kunststück vollbracht, in ausreichender Höhe aus dem Cockpit der beschädigten Maschine zu klettern. sondern auch rechtzeitig den Fallschirm zu ziehen – und musste dennoch sterben, weil sich die Kappe nicht entfaltete.
Dass sie es nicht tat, lag an der besonderen Situation beim Ausstieg:
Anders als in einer Absetzmaschine konnte der Pilot sein Flugzeug nicht kontrolliert verlassen. Typischerweise wird bei solchen Absprüngen der Körper sofort in Rotation versetzt. Wenn der Fallende dann, wie geschehen, die rechte Hand zum Aufziehgriff auf der linken Gurtzeugseite hinbewegt, nimmt die Drehbewegung noch zu. Denn meist ragt der linke Arm im Freifall vom Körper weg, während der Griffarm anliegt.
Diese Rotation wurde dem Piloten zum Verhängnis. Sofort verdrehte sich der Leinenstrang; Verbrennungen der feinen Oberflächenfasern belegen dies. So blieb die Fallschirmbasis zugeschnürt. Die Kappe konnte sich nicht füllen. Es kam zur sogenannten „Schornsteinbildung“. Solche Fangleinenverdrehungen gehen nur sehr langsam zurück. Durch den Bernoulli-Effekt (die Innenseiten des nicht entfalteten, röhrenförmigen Schirms saugen sich aneinander) kann dies gänzlich verhindert werden.

Schlussfolgerung für das sicherere Fallschirmsystem :

1. Bei einem Automatikschirm wird eine evt. vorhandene Rotation des Piloten zumindest nicht noch dadurch verstärkt, dass er (asymmetrisch) zum Auslösegriff des Fallschirms greifen muss.
2. Mit einem Automatikschirm wird der Pilot fast immer schneller auslösen können als manuell. Wir sind keine geübten Springer und würden bei einem solchen Unfall obendrein unter schwerem Schock stehen.
3. Wenn wir beim Aussteigen womöglich noch irgendwo anstoßen und einen Moment lang nur benommen sind, haben wir mit einem Automatikschirm gute Chancen, dennoch heil unten anzukommen. Ein paar Sekunden Bewusstlosigkeit wären bei einem manuellen Schirm dagegen der sichere Tod.
4. In Verbindung mit dem NOAH-System, durch welches er deutlich schneller aussteigen kann, müssten sich die Chancen eines Piloten zusätzlich entscheidend verbessern.
Siehe dazu auch unseren Artikel über Sicherheitstraining!

 

 

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