Außenlanden ist Kopfsache

Mentale Vorbereitung von Außenlandungen

von JAN LYCZYWEK aus Magazin Segelfliegen 2/2009

Die größte Hürde für Streckenflug-Einsteiger ist die Außenlandung. Dabei sind es nicht die technischen oder fliegerisch-handwerklichen Aspekte einer Außenlandung, die diese Hemmschwelle bilden — Außenlanden an sich ist weder besonders schwierig noch besonders gefährlich. Nein, es ist die Angst vor der Außenlandung, die viele Piloten vom Streckenfliegen abhält. Ihr lässt sich nur mit entsprechender mentaler Vorbereitung begegnen.

Die Möglichkeit einer Außenlandung akzeptieren

Angst vor der Außenlandung führt dazu, dass man die Möglichkeit einer Außenlandung als Gefahr wahrnimmt, sie verdrängt, sich mithin selbst die oft sicherere Alternative der Außenlandung versagt und sich so schließlich tatsächlich gefährdet. Die Angst überwinden hingegen heißt, die Möglichkeit einer Außenlandung anzunehmen, zu akzeptieren, als zusätzliche, sichere Alternative mit in den Katalog der Handlungsoptionen aufzunehmen. Das sagt sich leicht. Man kann aber auch einiges dafür tun.

Wissen sammeln

Aus Fachbüchern, Artikeln, Vorträgen, auch aus Lagerfeuererzählungen und Unfalluntersuchungen kann man eine riesige Vielfalt unterschiedlicher Flugsituationen gleichsam nacherleben und von den guten und schlechten Erfahrungen anderer profitieren.

Wer solche erzählten Abläufe für sich immer wieder sorgsam durchdenkt, dem stehen sie als fertig vorbereitete und jederzeit abrufbare Handlungsalternativen zur Verfügung.

Immer, wenn es auf zügiges, konsequentes Entscheiden und Handeln ankommt, ist dieses „Trockentraining“ eine große Hilfe — nicht nur, aber natürlich auch bei Außenlandungen.

Übung schafft Selbstvertrauen

Einzelne Aspekte einer Außenlandung lassen sich sicherlich mit dem Motorsegler üben; hier liegt der Schwerpunkt auf der Auswahl des Ackers.

Sinnvoller für die Überwindung mentaler Hürden ist eine echte Landung mit dem Segelflugzeug auf einem fremden Flugplatz. Wenn der Fluglehrer die Platzhöhe verschweigt, unterscheidet sich das Ganze für den Anfänger nur wenig von einer echten Außenlandung. Der Schüler oder Trainee erlebt dabei, dass er es durchaus schafft, den Anflug ohne Höhenmesser und ohne Ortskenntnis nach Gefühl richtig einzuteilen, eine passende Platzrunde in das fremde Gelände hineinzudenken und die Landung schließlich auch komplett selbst durchzuführen. Das schult nicht nur handwerklich-fliegerische Fähigkeiten, sondern stärkt vor allem das Selbstvertrauen.

Wichtiges Selbstvertrauen schaffen auch systematische Ziellande-Übungen am Heimatplatz. Viele Vereine fordern eine oder mehrere Ziellandungen auf dem jeweiligen Flugzeug, bevor man damit auf Strecke darf —  keine schlechte Idee.

Meinungskultur im Verein

Wenn Segelflug im Verein betrieben wird, hat die Gruppe — und damit jeder Einzelne! — eine enorme Verantwortung darüber, wie Außenlandungen intern bewertet werden. Wo eine Meinungskultur herrscht, die jede Außenlandung pauschal als „Leichtsinn“ oder „Verantwortungslosigkeit“, als „Fehler“ oder gar als „Beinahe-Unfall“ abstempelt, entsteht automatisch Angst vor der Außenlandung, und aus der Angst ein gefährliches Verdrängungs- und Vermeidungsverhalten.

Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob die Außenlandung nun einen Kasten Bier kostet oder nicht — wohl aber darauf, in welchem Geiste, mit welcher Haltung die Spende eingefordert wird. Ist sie eine Strafe oder fröhlicher Anlass für ein gemeinsames, spontanes kleines Fest?

Die Meinungskultur eines Vereins wird von jedem einzelnen Mitglied mitbestimmt, jeder steht also in der Verantwortung, ganz besonders aber natürlich die Vorbilder und Meinungsmacher: Streckencracks, Fluglehrer, Vorstände. Im Zweifel halten wir uns mit Spott und Frotzeleien zurück, gerade weniger erfahrenen Piloten gegenüber. Wenn es doch einmal Anlass zur Kritik an einer Außenlandung gibt, äußern wir diese sachlich, unter vier Augen oder im kleinen, kompetenten Kreis und mit dem spürbaren Anspruch, aus eventuellen Fehlern eines anderen selbst zu lernen.

In Frankreich schreiben viele Vereine einen „Coupe des Vaches“ aus, einen Wettbewerb um die meisten Außenlandungen. Auf diese Weise wird eine positive Grundhaltung Außenlandungen gegenüber demonstriert. Einen besonders schönen Beweis für positive Außenlandekultur habe ich im eigenen Verein erlebt.

Da kam einer unserer Piloten spätabends von der Rückholtour nach Hause und berichtete überglücklich von den drei großen Erfolgserlebnissen dieses speziellen Streckentages: erstens hatte er einen bestimmten Zielrück-Wendepunkt erreicht, den er sich schon seit langem vorgenommen hatte. Zweitens hatte er die Strecke zu seinem ersten 500er verlängert. Und das dritte Erfolgserlebnis, seinen eigenen Worten nach sogar das „Sahnehäubchen“, war schließlich nach unerwartet frühem Thermikende eine problemlose und sichere Außenlandung.

Das Ritual der Flugvorbereitung

„Jede Außenlandung beginnt vor dem Flug“, war ein Artikel in der Ausgabe 1/2009 von segelfliegen überschrieben. Da ist viel Wahres dran; tatsächlich ist es entscheidend, bei der Flugvorbereitung immer die Möglichkeit einer Außenlandung mit einzubeziehen. Was im einzelnen dazu gehört – beispielsweise den Hänger fahrbereit zu machen, den Autoschlüssel zu hinterlegen, und vieles andere mehr — darüber findet man reichlich sinnvolle Tipps und wohldurchdachte Checklisten in Fachbüchern oder im Internet. Die objektive, praktische Notwendigkeit dieser einzelnen technischen und organisatorischen Maßnahmen ist aber nur der drittwichtigste Grund für solche Vorbereitung. Viel wichtiger sind zwei andere Aspekte:

  • Mit dem immer gleichen Ablauf der Vorbereitung auf die Möglichkeit einer Außenlandung schaffen wir uns ein Ritual. Schon vor dem Flug stellen wir uns damit mental auf die Möglichkeit einer Außenlandung ein. Wir akzeptieren, dass es diese Möglichkeit gibt, anstatt sie als vermeintliche „Gefahr“ zu verdrängen.
  • Mit der Gewissheit, schon vor dem Flug alles für den Fall einer Außenlandung vorbereitet zu haben, fliegen wir beruhigter und entspannter. Das Ziel der gesamten Vorbereitung vor dem Flug ist also auch „Peace of mind“ während des Fluges.

Das Thema Außenlandung fliegt mit

Früher hat man in der Streckenflugausbildung gelehrt, dass man bei abnehmender Höhe rechtzeitig vom Streckemachen beziehungsweise von der Thermiksuche „umschalten“ müsse auf die Vorbereitung der Außenlandung. Nun ist dagegen auf den ersten Blick nichts einzuwenden, besonders wenn man das Wörtchen „rechtzeitig“ betont. In vielen Gesprächen mit Streckenflugeinsteigern konnte ich aber immer wieder feststellen, dass Außenlandeangst meist nicht so sehr Angst vor der eigentlichen Landung ist, sondern vielmehr Angst davor, diesen Umschaltpunkt zu verpassen und dann plötzlich mit zu wenig Höhe und zu wenig Zeit in unbekanntem Gelände schnell ein Außenlandefeld finden zu müssen.

Dieser Angst begegnet man am besten dadurch, dass man auf das Umschalten zwischen Streckemachen und Landefeldsuche ganz verzichtet. Statt dessen bleibt das Thema Außenlandung während des ganzen Fluges präsent. Bildlich gesprochen lassen wir die Außenlandesoftware immer im Hintergrund mitlaufen.

Mit der Möglichkeit einer Außenlandung beschäftigen wir uns also kontinuierlich, allerdings der Situation und der eigenen Erfahrung angepasst. So sind in großer Höhe nicht die Geländegegebenheiten direkt unter uns interessant, sondern erst ab beispielsweise halber Gleitreichweite voraus. Wie sieht es dort generell aus? Wird es großräumig eher flacher oder hügeliger? Bewaldeter oder offener? Welche Flugplätze oder Katalog-Wiesen kommen auf Kurs?

Je tiefer wir kommen oder je schlechter das Wetter wird, desto mehr konkretisieren wir diese Einschätzungen. Nun beschäftigen wir uns vielleicht schon einmal mit der vorherrschenden Windrichtung, gewinnen einen Überblick über die verschiedenen Arten von Feldern und Äckern in der Gegend um uns.

Kommen wir noch tiefer, dann suchen wir vielleicht nach einer besonders ebenen Stelle in der Landschaft, schränken die Auswahl dann auf einige Felder ein, entscheiden uns schließlich für eines. Die Details sind von Wetter, Gelände und Erfahrung abhängig. Entscheidend bei alledem ist, dass es nicht mehr jenen einen diskreten Punkt gibt, vor dem Außenlanden kein, nach dem es aber das einzige Thema wäre. Vielmehr halten wir uns selbst stets in genau jenem Maße zum Thema Außenlanden „gebrieft“, wie es die Situation und die Erfahrung erfordert.

Wird die Außenlandung wahrscheinlicher, „briefen“ wir uns in kleinen, überschaubaren Schritten nach. Besonders gut kann man das natürlich im Doppelsitzer üben — lehrreich übrigens für beide Piloten. Aber auch im Einsitzer gehen wir genau so mit dem Thema um: nicht „umschalten“, sondern kontinuierlich mitziehen. Nichts wirkt besser gegen Außenlandeangst als diese Methode; nebenbei führt sie auch noch zu sichereren, weil besser vorbereiteten Außenlandungen.

Konzentration vor der Landung

Vor der endgültigen Auswahl des Ackers und der eigentlichen Außenlandung lauert noch eine letzte, aber nicht ungefährliche mentale Falle. Es schießen einem nämlich allerlei Gedanken durch den Kopf, die mit diversen Begleitumständen der bevorstehenden Außenlandung zu tun haben:

  • an die armen Rückholer, die nun weit fahren müssen
  • ob der Acker einen mit dem Hänger befahrbaren Zufahrtsweg hat
  • ob der Flieger wohl Kratzer bekommen wird
  • dass man morgen früh ins Büro muss
  • etc.

Wenn die Flugvorbereitung nicht so vollständig war wie man das — siehe oben — gerne hätte, dann kommen spätestens jetzt noch eine Reihe weiterer Gedanken hinzu:

  • ich habe meinen Autoschlüssel noch in der Hosentasche
  • ich habe vor dem Start keinen Rückholer gefunden
  • ich weiß nicht, ob der Hänger TÜV hat
  • etc.

Alle diese Gedanken haben sicherlich ihre Berechtigung — vordem Flug oder nach dem Flug, aber auf keinen Fall im Flug!

Jeder dieser Gedanken wirkt zumindest ablenkend, im schlimmsten Fall provozieren sie sogar gefährliche Entscheidungen: Beispielsweise doch noch einmal mit Gewalt versuchen, Aufwind zu finden; oder um einer vermeintlich besseren Zufahrt willen im letzten Moment den Acker zu wechseln. Nun ist es nicht gerade einfach, sich einen bestimmten Gedanken zu verkneifen. Mir hilft dreierlei gegen diese Ablenkungen:

Zunächst muss man sich einmal vergegenwärtigen, dass keines dieser Probleme wirklich gravierend ist. Nach der Landung finden wir für alle diese kleinen, hier und da auch ärgerlichen, aber letztlich unwichtigen Schwierigkeiten eine Lösung.

Zweitens darf man sich selbst durchaus ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit der Rückholmannschaft gegenüber zugestehen, solange es um die Entscheidung zur Außenlandung und um die Auswahl der Wiese geht. Es kommt auf die sicherste, fliegerisch sauberste Landung an, nicht auf die bequemste Abholung.

Und drittens schließlich sollte man sich bewusst auf den rein handwerklichen Vorgang des Landechecks, des Anflugs und der Landung selbst konzentrieren. Man kann sich dazu beispielsweise einen Schlüsselsatz ausdenken, der — am besten laut ausgesprochen — diesen konzentrierten „Landemodus“ gleichsam aufruft. Ich sage zu mir und meinem Flugzeug vor jeder Landung, egal ob am Platz oder draußen:

„So, jetzt machen wir eine richtig schöne Landung.“

Meistens klappt’s.

 

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